G2G Ultra – Stage 2 – Die zweite Etappe

Weiter geht’s !

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Der erste Tag hatte nicht nur mir Probleme gemacht. Zum Start der zweiten Etappe waren schon 6 Läuferinnen und Läufer ausgestiegen. Gestern hatten auch im Ziel einige  noch größere Probleme und mussten teilweise behandelt werden. Fast alle sind aber heute wieder am Start.

Die Locals Jill und Sam

Auch Jill und Sam aus Kanab sind noch dabei. Beide sind noch nie einen Etappenlauf gelaufen. Kanab als Basiscamp für den Lauf hat zwei kostenlose Startplätze vergeben für die man sich als Einheimischer bewerben konnte. Außer Jill und Sam war niemand so verrückt sich zu bewerben ;-). Die beiden machen das gut bis jetzt !P1040324

Waterloo ??

Heute morgen ist mir aufgefallen, dass sie nach unserem Aufwachsong „Blurred lines“ direkt „Waterloo von Abba“ spielen. Was soll uns das sagen ?? Von den Ultras in den Alpen kenne ich es ja, dass als letztes Lied vor dem Start „Highway to Hell“ gespielt wird. Waterloo zum Aufwachen finde ich etwas subtiler.

Die zweite Etappe

Nachdem die Etappe gestern etwas monoton und weitgehend auf Tracks war hoffe ich, dass es heute etwas abwechslungsreicher wird. Nach dem Startschuss geht es erst ein paar Kilometer weglos durch Kakteenland.P1040326

Diesmal kann ich Treffer vermeiden und komme unversehrt bis zum ersten Checkpoint, der heute schon nach 5 Kilometern auf uns wartet. Gut fühle ich mich trotzdem nicht. Meine Motivation ist absolut im Keller. Warum kann ich mir selbst nicht erklären. Die leichten Magenprobleme von gestern sind weg und die Beine sind nicht übermäßig schwer. Das Wetter ist gut und die Landschaft ein Traum. Eigentlich gute Voraussetzungen. Eigentlich.P1040328

Direkt nach dem Checkpoint erwartet uns der erste echte Berg dieses Laufs. Einige Höhenmeter in der prallen Sonne. Obwohl ich hier aufgrund meines Trainings in den Alpen deutliche Vorteile haben sollte läuft es nicht und im letzten Drittel lasse ich wieder einige Läufer ziehen. Meine Beine wollen nicht so wie ich. Oder ist es mein Kopf, der nicht will ? Ein Stück laufe ich mit Sarah aus meinem Zelt. Dann ist auch sie weg. Ich habe noch nichtmal 20 Kilometer heute und gehe schon wieder. Marie-Eve aus Canada läuft auf mich auf und versucht mich zu motivieren. Leider hilft das nur kurz. Wie soll das morgen auf der 85 Kilometer Etappe werden wenn ich heute schon nicht laufe. 85 Kilometer will ich auf keinen Fall gehen.

Der Kopf entscheidet, der Körper folgt

Die Beine sind schwer, der Kopf ist schwerer. Ich spüre, dass ich mich auf andere Gedanken bringen muss. Der Kopf gibt dem Körper vor was passiert. Gute Gedanken können beflügeln, schlechte ziehen dich runter. Meine Schritte sind nur noch etwa halb so lang wie sonst. Ich fühle mich bescheiden und schäme mich fast für das was ich hier gerade abliefere.
Endlich kommt Checkpoint 3 in Sicht. Wunderschönes hügeliges und bewaldetes Gelände und Einsamkeit bis kurz vor dem Checkpoint. In den Checkpoint laufe ich dann mit Carlos aus Puerto Rico ein. Er hört, dass ich mich erkundige, ob es möglich ist auf die Challenge zu wechseln. (Da wären es morgen nur 50 km statt 85 km) oder was passiert wenn ich aussteigen will. Er sagt allen Volunteers, dass ich nicht aussteigen darf, dass das nicht geht.
Hier will ich nicht aussteigen. Ich will es noch weiter versuchen. Auch wenn es mir sehr schwer fällt. Ein Wechsel zur Challenge ist laut den Volunteers nicht möglich. Entweder ich laufe weiter oder ich steige komplett aus. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Carlos lasse ich am Checkpoint 3 weiter Pause machen und laufe erst mal alleine weiter Richtung Checkpoint 4.P1040331

In meinem Kopf arbeitet es die ganze Zeit. Ich fühle mich wirklich nicht so, als ob ich morgen 85 km laufen will. Es fällt mir auch heute sehr schwer. Es sind noch 25km bis ins Etappenziel und meine Schrittlänge ist ein Witz. Wir haben jetzt freie Sicht auf Island in the Sky, eine wunderschöne 2000 Meter über dem Meer gelegene Erhebung. Das Umland liegt ca. 800m tiefer. Ein imposanter Anblick, den ich letzte Woche, im Urlaub, auch schon von oben erleben durfte.
Direkt vor mir liegt jetzt ein wirklich steiles Gefälle, das ich deutlich langsamer als sonst herunterlaufe. Carlos hat mich mittlerweile wieder eingeholt. Bergab ist er eine Rakete und achtet null auf Knochen oder Gelenke. Wahnsinn !
Immer noch 3 Kilometer bis zum Checkpoint. 20 Kilometer bis ins Ziel.

Waterloo !!

Als es flacher wird kann ich Carlos wieder einholen. Ich laufe jetzt wieder konstant und das Tempo von Carlos ist kein Problem. Von hinten läuft Lars aus Dänemark auf uns auf.P1040334

Meine Beine sind seit drei Kilometern deutlich besser und ich könnte den beiden leicht wieder weglaufen. Das liegt vermutlich nur daran, dass ich vor drei Kilometern entschieden habe, dass das Rennen für mich am Checkpoint 3 enden wird. Ein komisches Gefühl aber der Kopf hat die Schwere wieder von den Beinen weggenommen. Für Carlos sind Lars und ich im flachen Gelände etwas zu schnell.
Bei einem Lauf über mehrere Tage und in wechselndem Gelände muss jeder sein eigenes Tempo laufen. Sich an jemand anzupassen funktioniert auf Dauer nicht und so kommen Lars und ich zu zweit an den Checkpoint. Er will mich vorlassen da er meint, dass ich schneller bin und ist dann total verwundert als ich ihm sage, dass es das für mich war, dass ich aussteige.
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Am Checkpoint fühle mich erleichtert und zugleich wie ein Looser als ich den Volunteer der meine Karte locht frage wo er lochen muss wenn ich aussteigen will. Sie sagt mir, dass sie es eintragen kann ich aber erst mal eine halbe Stunde warten soll ob ich nicht doch weiterlaufen will. Ich will nicht ! Decision made !
Carlos ist mittlerweile auch am Checkpoint angekommen und hat mitbekommen, dass ich jetzt wirklich aussteigen will. Er verbietet allen Volunteers das zu akzeptieren und droht mir Schläge an wenn ich es trotzdem versuchen sollte. Der Zusammenhalt und die gegenseitige Unterstützung ist schon auf der zweiten Etappe enorm.
Ich bin fast gerührt, wünsche ihm noch viel Erfolg als er sich auf die letzten 17 Kilometer der Etappe macht. Die hätte ich sicher auch noch geschafft. Bis zum Cutoff, dem Zeitlimit waren es noch mehr als 5 Stunden. Aber wozu wenn ich morgen sowieso nicht weiterlaufen werde ?

Checkpoint 3. Das Feld lichtet sich.

Checkpoint 3 ist heute für viele Läufer der Scheideweg. Zwei Läufer aus dem Team von Laurence Klein sitzen mit mir im Checkpoint. Einer von ihnen muss wegen einem Muskelriss ? ausscheiden. Der andere kommt mit der Hitze überhaupt nicht klar. Versucht es aber trotzdem weiter . 5 min später kommt er total erledigt zum Checkpoint zurück. Sitzt noch fast eine Stunde mit leerem Blick neben mir bis ich mit anderen Läufern abgeholt werde. Abends höre ich, dass er es irgendwie doch noch bis ins Ziel geschafft hat. Am nächsten Morgen startet er aber nicht mehr.
Für die Läufer der Challenge ist der Checkpoint 3 heute das Tagesziel. Mit einigen von ihnen und dem verletzten Franzosen fahre ich dann per SUV in einem großen Bogen nach Kanab und mit dem Auto dann doch noch fast über die Ziellinie der heutigen Etappe.P1040337

Die zweite Etappe ist leider auch das Aus für Al aus Kanada. Er war in der Nacht vor dem Lauf mein Zimmerkollege in Kanab. Ihm hat die Höhenlage und die Hitze einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Für das etwas dezimierte Feld gibt es im Camp dann wieder einen tollen Sonnenuntergang und alle versuchen so gut wie möglich zu regenerieren. Denn morgen geht es für sie auf die lange Etappe über 85 km mit mehr als 1500 Höhenmetern und mehreren Kilometern echten Sanddünen in der Wüste.
Auch diese Etappe hat ihre Opfer gefordert. Morgen werden wieder 11 weniger von uns auf die Strecke gehen.
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Es gibt jeden Abend auch mehrere Lagerfeuer im Camp. Leider bleibt kaum Zeit sich mit den anderen Läufern ans Feuer zu setzen und zu erzählen. Wer am nächsten Tag fit sein will muss schlafen und regenerieren. Die lange Etappe ist so angelegt, dass niemand der Teilnehmer bei Tageslicht ins Ziel kommen wird.P1040341

Seltsame Gefühle

Für mich war der Tag heute eine große Überraschung und natürlich auch eine Niederlage. Zm Glück bin ich nicht körperlich verletzt. Nur etwas geknickt und über mich verwundert. Gestern hat sich schon angedeutet, dass irgendwas hier nicht passt, dass das nicht mein Lauf ist dieses Jahr. Heute hat meine Schweinehund dann das Kommando übernommen und mir ganz klar den Weg gezeigt.
Ein Schild vor Checkpoint 3 war dann der letzte Wink des Schicksals.P1040330

Ich bin gespannt wie es jetzt weitergeht. Ein Hotel habe ich nicht für die nächsten Tage und eigentlich will ich auch nicht weg. Die Gemeinschaft im Camp ist nach der kurzen Zeit schon ein echtes Erlebnis und sehr intensiv aufgrund der relativ kleinen Teilnehmerzahl.

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