Zurück im großen Sandkasten – MDS 2016 Teil I

Es ist der Morgen des 08. April 2016. Wieder bin ich in Marokko. Endlich geht es für mich wieder in die Wüste. Ich bin zurück im großen Sandkasten.
Nach meinem Start beim Marathon des Sables 2014 bin ich wieder im Hotel La Gazelle in Ouarzazate. Das Hotel ist urig aber nicht wirklich ein Schmuckstück. Nett ausgedrückt könnte man es als etwas abgewohnt bezeichnen. Trotzdem ist es seit Jahren ist der Treffpunkt für die Teilnehmer des Marathon des Sables aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Während der Nacht sind auch die letzten Teilnehmer angekommen und ich sehe einige bekannte Gesichter. Sogar bei solch einem Event trifft man alte Bekannte. Ich bin also nicht der einzige Wiederholungstäter. Nach einem Marokkanischen Frühstück mit einem genial guten Orangensaft holt uns ein moderner Reisebus ab. Es steht die „Transferetappe“ an. Alle knapp 1200 Teilnehmer des Marathon des Sables werden heute von unterschiedlichen Hotels in Ouarzazate per Bus, in etwa 6 Stunden, in Richtung Osten bis zum ersten Zeltcamp in die Wüste gebracht.
Unterwegs bekommen wir das Roadbook und erfahren endlich, was uns in der nächsten Woche erwarten wird.

zurück im großen Sandkasten - Roadbook - Marathon des Sables

Die 20 Reisebusse für die Teilnehmer werden in Gruppen aufgeteilt, damit wir auf den 350 Kilometern durch die kleinen Dörfer nicht den gesamten Verkehr lahmlegen. Überall wird unser Konvoi interessiert beobachtet. In den ruhigen ländlichen Gegenden sind wir eine Attraktion.
Der tägliche Transport von 1200 Teilnehmern, etwa 400 Helfern, ca. 200 Zelten, Material, Verpflegung (für die Helfer) und Ausrüstung ist eine logistische Glanzleistung. Das Camp muss jeden Tag abgebaut, etwa 50 km transportiert und neu aufgebaut werden.
Die 350 Kilometer im Bus bis zur ersten Übernachtung in der Wüste ziehen sich endlos. Wir sehen einen Stausee, Schotterebenen, Palmen, neue Orte und neue Straßen. Scheinbar wird hier fast überall gebaut. In Marokko boomt das Bauwesen.

Mohamad Ahansal engagiert sich für den Umweltschutz

Leider gibt es auch ein paar Kilometer auf denen der Wind aus der kompletten Gegend leere Plastiktüten zusammengeweht hat.

zurück im großen Sandkasten - Mohamad Ahansal - Marathon des SablesMohamad Ahansal, der 5-fache Gewinner des MDS versucht seit Jahren etwas gegen die Verschmutzung der Wüste zu tun und engagiert sich unter anderem mit seinem UTMES (Ultra-Trail Morocco Eco Sahara) sehr stark für das Verbot von Einwegplastiktüten in Marokko.
2016 wird das erste Jahr sein in dem er nicht am Start des MDS ist. Ein großer Verlust für die Veranstaltung, einen so sympathischen Sportler zu verlieren.

Endlich Picknickpause

6 Stunden Busfahrt sind sehr lang. Wir wollen alle endlich ankommen. Neben der Ausgabe des Roadbooks ist das Einzige, was die Fahrt etwas verkürzt die Picknickpause bei der wir alle ein Lunchpaket mit abgepackten Leckereien bekommen.
Für die Pinkelpause suchen fast alle noch einen möglichst großen Abstand zu den Bussen und anderen Läufern und Läuferinnen. Das wird sich in den nächsten Tagen leider noch deutlich ändern…

zurück im großen Sandkasten - Picknickpause - Marathon des Sables

Nach einer gefühlten Ewigkeit kommen wir endlich am Camp an. Es ist auf einer riesigen Ebene angelegt und hat eine gewaltige Dimension. Allein für die Teilnehmer gibt es etwa 150 Berberzelte, die in einem 3-fachen Ring mit über 100 Meter Durchmesser angelegt sind. Aufgrund des festen Untergrunds in der Ebene können die Busse bis direkt zum Camp fahren und wir müssen nicht noch auf die Ladefläche von Militär-LKWs mit Allrad umsteigen.
Einige Kilometer hinter den Zelten können wir im Abendlicht schon die ersten Dünen sehen, die uns in zwei Tagen Probleme bereiten werden.

Zurück im großen Sandkasten - Erster Blick auf die Dünen - Marathon des Sables

Heute steht sonst nur noch der Einzug in die sogenannten Zelte, die eigentlich nur aus einem Teppich, ein paar Stöcken und einem Stoffdach bestehen und das vorletzte echte Abendessen an.
Der Marathon des Sables 2016 hat für uns begonnen. Ich bin endlich zurück im großen Sandkasten.

Der Tag vor dem Start – Materialcheck

Auch am ersten Tag in der Wüste geht das Rennen noch nicht wirklich los. Wir „scharren alle mit den Hufen“ und würden gerne endlich loslaufen. Heute steht aber nur der Materialcheck an und wir bekommen nochmal Vollverpflegung, die wir nicht selbst mitbringen und kochen müssen.
Wer in der ersten Nacht schon gemerkt hat, dass er mit seinen Mitbewohnern bzw. Mitbewohnerinnen gar nicht klar kommt, hat noch eine letzte Chance das Zelt zu wechseln. Ab morgen sind die Zuordnungen dann festgelegt und dürfen nicht mehr geändert werden. Ich habe auch diesmal wieder Glück mit meinen Mitbewohnern und muss nicht umziehen. Zwei Damen und 6 Herren sind wir im Zelt 20 und nach dem ersten Tag nervt mich noch niemand. Das ist ein gutes Zeichen.

Zurück im großen Sandkasten - Berberzelt 20 - Marathon des Sables

Heute haben wir sehr wenig zu tun. Der Tag zieht sich. Irgendwann müssen wir dann zum Materialcheck und zu den Doc Trotters, den Ärzten die sich unser ärztliches Attest ansehen und die nächst Woche für unsere Gesundheit sorgen werden. Um starten zu dürfen, muss jeder von uns ein ärztliches Attest und ein Ruhe EKG von einem (Haus)arzt in Deutschland vorlegen, das maximal 4 Wochen alt sein darf. Außerdem wird der Rucksack gewogen ob das Gewicht inklusive der kompletten Ausrüstung im zulässigen Rahmen (zwischen 6,5 und 15 kg) liegt. Darin ist alles enthalten, was wir für den Rest der Woche benutzen wollen. Feuerzeug, Kocher, Verpflegung, Schlafsack, Ersatzkleidung, Isomatte. Alles muss in den Rucksack. Auch die Pflichtausrüstung wie GPS-Sender, Roadbook, Salztabletten, Schlangengiftpumpe, Taschenmesser usw. gehören dazu.

Zurück im großen Sandkasten - Materialcheck - Marathon des Sables

Bei mir hat der Rucksack mit Fronttasche 24 Liter Volumen + 2 x 0,75Liter als Flaschen. 24 Liter, das ist nur etwa so viel wie ein durchschnittliches Daypack. Nur muss bei mir da alles rein für eine Woche !!! Ich habe mir selbst die Vorgabe gesetzt, dass außen am Rucksack nichts hängen oder baumeln soll. Alles was nicht reinpasst gebe ich beim Materialcheck ab. Meine Reisetasche wird direkt zurück nach Ouarzazate transportiert und erwartet mich (hoffentlich) in einer Woche im Hotel.
Der Check-in läuft bei mir ohne Probleme. Nur die Wartezeit in der prallen Sonne ist nicht angenehm. Dieses Jahr hat sich der Veranstalter die Zelte für den Check-in gespart. Nach dem ich die Tasche abgegeben habe, habe ich noch 8,5kg an Gepäck für die Woche und etwas zusätzliche Verpflegung für das Frühstück morgen früh. (Wenn dich interessiert, was ich genau im Rucksack habe, dann kannst du dir hier meine optimale Packliste ansehen.)
Heute bekommen wir unser letztes Abendessen, um das wir uns nicht selbst kümmern müssen. Ich nenne das die Henkersmahlzeit. Morgen früh geht es dann endlich los. Alle sind nervös und angespannt.

Stage 1-Ouest Erg Chebbi/ Erg Znaigui 34 km – Zurück im großen Sandkasten

Die Nacht war kurz, ziemlich kühl und sehr windig. An eine so kalte Nacht kann mich beim Marathon des Sables 2014 nicht erinnern und auch nicht, dass es damals irgendwann so windig war. Mein Schlafsack ist zum Glück warm genug. Halb so schlimm also aber trotzdem unangenehm. Noch nerviger ist es für Heinz Peter aus meinem Zelt. Sein Gepäck war erst nicht in Ouarzazate am Flughafen angekommen und wurde erst gestern im Laufe des Tages nachgeliefert. Er hat das aber mit einer bewundernswerten Ruhe hingenommen und sich in der ersten Nacht in der Wüste in einem geliehenen, viel zu dünnen  Schlafsack, ohne Isomatte fast den Hintern abgefroren. Zwischenzeitlich war er davon ausgegangen, nur mit seinem Rucksack und seinen Schuhen und vom Veranstalter gestellter Ausrüstung zu starten, da seine Sachen nicht da waren. Zum Glück ist mittlerweile auch sein Koffer angekommen und er kann mit seinem eigenen Equipment an den Start gehen. Ab heute startet die Selbstversorgung. Kein Frühstück, kein Mittagessen und kein Abendessen mehr für uns. Ab sofort gibt es nur noch das, was jeder von uns in seinem Rucksack hat. Die Auswahl und die Menge ist damit für die nächsten Tage leider sehr beschränkt. Heute Morgen kann jeder von uns nochmal essen, was wir uns für diesen morgen mitgebracht haben. Obst, Yoghurt und andere schwere Dinge, die sich nicht mitnehmen lassen auf die Etappen. Alles was ich heute zum Frühstück esse muss ja noch nicht tragen.
Nachdem wir uns in der Mitte des Camps die ersten 3 Liter Wasser abgeholt haben wird das Camp auch schon von einer Gruppe fleißiger Marokkaner abgebaut. Sie scheinen ziemlich Spaß zu haben. Sie müssen ja auch nicht laufen ;-).

Zurück im großen Sandkasten - Abbau des Camps - Marathon des Sables 3 Liter Wasser müssen für uns Läufer bis zum ersten Checkpoint bei Kilometer 15 reichen. Bis dorthin liegen 3 km Schotterebene und 12 Kilometer beeindruckende Dünen vor uns. Ein würdiger Einstand in den MDS 2016.
Um kurz vor 09:00 macht Patrick Bauer, der Erfinder und Veranstalter des Laufs dann das Streckenbriefing für die erste Etappe und wir stehen endlich an der Startlinie des Marathon des Sables 2016. In der letzten Minute hören wir das obligatorische Highway to Hell aus den Lautsprechern. Die Spannung und Vorfreude steigt nochmal und  dann geht es endlich los.
Ich bin endlich zurück im große Sandkasten. Wenige Sekunden später schon fliegen nur 20 Meter über uns die Hubschrauber mit den Kameraleuten um die ersten Bilder des diesjährigen MDS zu filmen. Wir sind endlich unterwegs. Die erste Etappe ist genau die gleiche wie vor 2 Jahren. Ich habe sie noch weitgehend im Kopf, weiß wo die Checkpoints sind und wie die Streckenführung sein wird. Ob das ein Vorteil oder Nachteil ist bin ich mir nicht ganz sicher. Es ist nicht ganz so warm wie vor 2 Jahren aber sehr viel windiger. Die etwas geringere Temperatur ist in den Dünen angenehmer. Trotzdem sind die 12 Kilometer Dünen eine echte Aufgabe in einer traumhaften Landschaft.

Zurück im großen Sandkasten - Dünenimpression - Marathon des Sables

12 Kilometer bergauf bergab durch den Sand. Immer auf der Suche nach festem, nicht aufgewühlten Untergrund um so wenig Energie wie möglich zu verschwenden. Dazu summieren sich in den Dünen auch die Höhenmeter. Endlich werden die Dünen flacher und der erste Checkpoint kommt in Sicht. Mein Wasservorrat ist fast komplett aufgebraucht. Ich laufe in den Checkpoint und hole mir die nächsten 3 Liter ab, versuche mich aber nur so kurz wie möglich aufzuhalten. Weiter geht es. Die nächsten Kilometer sind flach. Eine Art Bachbett voll Sand. Meine Beine fühlen sich bis jetzt noch gut an aber der Gegenwind wird immer stärker. Nach weiteren 6 Kilometer ist endlich Ende mit Sand und wir kommen auf eine Schotterfläche, die bis zum Horizont hin ansteigt.

Zurück im großen Sandkasten - Steinwüste - Marathon des Sables

In Verbindung mit dem Gegenwind eine sehr unangenehme Kombination. Wir kommen an den Ruinen von 2 Geisterdörfern (oder vielleicht sind sie teilweise sogar noch bewohnt ?) vorbei. Dann endlich die Kuppe. Hier ist der Boden auf einmal eine Art schwarze Erde, wie wir sie bei uns zuhause kennen. Und genau hier, an der einzigen Stelle in der ganzen Woche, an der wir so einen Untergrund haben, komme ich in eine kleine Windhose. Verschwitzt in eine Windhose mit schwarzer Erde….

Zurück im großen Sandkasten - Windhose - Marathon des Sables

Nach etwa 20 Sekunden sehe ich aus wie paniert. Alle Körperteile an denen ich keine Kleidung habe sind schwarz… Super. Nach einer weiteren Minute ist der Spuk vorbei und ich bin, total verdreckt, wieder mit dem Gegenwind alleine.

Zurück im großen Sandkasten - Dreckig - Marathon des Sables 2016

Noch 3 Kilometer bergab bis zum Checkpoint II . Diesmal gibt es nur 1,5 Liter für die letzten 9 Kilometer bis zum Ziel. Es geht nochmal durch ein sandiges Tal. Unter einem Baum sehe ich Laurence Klein. Sie hat den MDS auch schon gewonnen, scheint aber Probleme zu haben. Ich frage sie ob alles o.k. Ist und bekomme ein „Oui“ als Antwort. Bei einem Blick nach hinten kann ich sehen wie ein Pickup von den Doc Trotters bei ihr ankommt. Hoffentlich kann sie weitermachen.
Für die letzten 3 Kilometer geht es dann nochmal in die Dünen. Nochmal Sand. Nochmal bergauf und bergab. Die Beine sind jetzt deutlich schwerer als vorhin. Mittlerweile habe ich eigentlich genug für heute. Der Sand peitscht mir an den Dünenkuppen immer wieder mit großer Wucht ins Gesicht.

Zurück im großen Sandkasten - Wind in den Dünen - Marathon des Sables

Angenehm ist etwas anderes. Nach der x-ten Steigung kann ich endlich das Camp sehen. Ein paar hundert Meter später merke ich, dass es der nur der Bereich für die Organisation ist. Das Camp ist heute nochmal größer und weiter auseinander gezogen. Unsere Zelte sind ein Stück weiter links. Endlich kann ich auch den Zielbogen erkennen. Besser gesagt das was heute der Zielbogen ist. Der Wind ist so stark, dass das Ziel zusätzlich mit Seilen gesichert wurde. Trotzdem biegt sich der Bogen immer wieder gewaltig durch.

Zurück im großen Sandkasten - Finish line - Marathon des Sables

Egal, Hauptsache Ziel. 34 harte Kilometer, davon 15 Kilometer durch die Dünen liegen hinter mir. Direkt nach der Ziellinie bekomme ich einen winzigen Becher Tee und nochmal 4,5 Liter Wasser die bis zum nächsten Morgen reichen müssen. Mit den 3 vollen Flaschen schlurfe ich durch den Innenraum des Camps die letzten 100 Meter bis zu unserem Zelt. Dort falle ich auf den Teppich. Gefühlte zwei Minuten nach mir ist auch schon Udo da und scheinbar gar nicht kaputt. Er fand heute einfach alles schön bei seiner ersten MDS Etappe. Beneidenswert.
Ich bin jetzt erst mal k.o. und lege die Beine hoch.

Zurück im großen Sandkasten - Finisher - Marathon des Sables

Etwas später kommt Volker ins Zelt. Volker ist über 70. So früh habe ich ihn nicht erwartet. 2016 ist sein 10. Mal beim MDS. Leider hat es einen Grund, dass er schon so früh da ist. Er ist nicht bis ins Ziel gelaufen sondern sein Knie hat schon auf den ersten Kilometern der ersten Etappe das Abenteuer für ihn beendet. Nach einer Knie-OP vor einigen Jahren sind 15 Kilometer Dünen scheinbar doch zu viel. Wirklich schade für ihn.
Kurz vor Zielschluss ist unser Zelt dann komplett. Alle anderen haben es innerhalb des Zeitlimits bis ins Ziel geschafft. Volker darf nur noch bis morgen früh bei uns bleiben und muss dann leider schon wieder, per Bus, zurück nach Ouarzazate. So hatte er sich seine Abschiedstour vom MDS sicher nicht vorgestellt.
Für alle anderen aus unserem Zelt geht es morgen auf die zweite Etappe. Diesmal wird auch die Nacht ruhiger werden. Die Nervosität hat nachgelassen und wir sind alle müde.

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